@Der Philosoph wie siehst du das?
Nicht viel anders. Ich würde es unter "Materialisierung von Schuld" subsumieren. An irgendeinen Film hat mich diese Strategie erinnert, ich komme nur nicht drauf.
Das Mädchen in der Erscheinung, wie Odysseus es wahrnimmt, erinnert mMn zum einen an die Moral des Schuldigen, im Grunde das freudianische Über-Ich, das dem Bauch- und Tatmenschen Odysseus gegenübergestellt wird - Zendayas mahnender Blick, ihre ebenso mahnenden Augen ... all' das spricht Bände im Hinblick auf die Taten Odysseus'.
Zum anderen erinnert uns das Mädchen an den Krieg, der insgeheim (auch oder vor allem) ein Genozid gegen die Zivilgesellschaft war und den "sauberen", sprich: übersichtlichen, ideologisch "ehrbaren" und symmetrischen Krieg von, modern gesprochen, Nationalstaaten durch eine ... List unterminiert. Der Krieg wurde plötzlich dreckig, ausgetragen auf den Körpern der Wehrlosen. Im Film spricht Odysseus davon, wie sich eine zehnjährige Wut über Troja ergoss. Sofort musste ich an Mỹ Lai denken. Nolan will Troja, unter allen Umständen, fortschreiben und entmythologisieren. "Unser" Troja sind die Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Wenn die Farbe weiß Unschuld symbolisiert, dann sah Odysseus den Untergang Trojas in Gestalt des Mädchens als letzte fallende Bastion vor der Babarei. Verknüpft wird das Verhältnis zwischen Kind und Gott, der letzten destruktiven Grenzüberschreitung (beide werden, faktisch wie übertragen, geköpft), durch den entsprechenden Match Cut, auf dass eine neue (fatale!) Zeit der den Göttern und der Natur trotzenden Aufklärung beginnt.
In meinen Augen ist Nolans Odyssee ein reine Bewältigungsstrategie eines traumatisierten Menschen.
Ob man dafür allerdings unbedingt die Odyssee hernehmen musste als Grundlage, sei mal dahingestellt...
Finde ich durchaus nachvollziehbar - Homers
Odyssee ist eine basale literarische Ursuppe. Mit Ausnahme des
Faust (mutmaße ich!) sind die Türen des Stoffes unendlich weit geöffnet. Selbst Nolan tat gut daran, eine Auswahl zu treffen. Homer, selbstredend, aber auch Vergil und die Frankfurter Schule halten, mehr oder weniger, Einzug in seinen Film. Was neumodisch "Tropen" genannt wird, könnte in Wahrheit umfassender gar nicht sein: Ein Mann schippert gen Heimat und kommt nicht an, ist er ein Held, ein Antiheld? Da von Kulturepoche zu Kulturepoche das Bild des Mannes wie des Helden stets neu befragt wird, lohnt sich mMn zu jeder Zeit eine alternative Interpretation.
Unabhängig davon: Zeit, unendliche Zeit, das Erfahren von Zeit, das Vernichten von Zeit ist der
Odyssee naturgemäß eingeschrieben, genau dies faszinierte mich immer am meisten. Zehn, 20 Jahre Zeit! Natürlich auch einen Filmemacher, der "Zeit" - wie Tarkowskij und Nolans Liebling Alain Resnais vor ihm - als sein (Lebens-)Projekt begreift.