Stephen King - Rage (1977)
Achtung, Spoiler.
Wie bei den meisten war mein Hauptgrund, die Ausgabe von The Bachman Books zu kaufen, dass ich endlich eine physische Kopie von Rage lesen konnte. Das Buch ist von einer faszinierenden Aura des „Verbotenen“ umgeben, da Stephen Kind das Buch Out Of Print hat gehen lassen, nachdem es bei einigen Amokläufern gefunden und als Beschleuniger für ihre Taten genannt wurde.
Das hat meine Erwartungen nicht unbedingt so hochgeschraubt, dass sie unmöglich zu erfüllen gewesen wären, aber ich hatte zumindest etwas sehr Düsteres und irgendwie „Besonderes“ erwartet.
Das habe ich nicht bekommen. Es war okay, eindeutig ein Frühwerk mit etwas edgy Coming Of Age Natur und das war’s. Was ich bekam, war kein völlig durchgedrehter Junge, der sich durch die Schule schießt und irgendwelche unmenschlichen Fantasien auslebt, abgründige Dinge begeht wie (eigene Fantasien beim Lesen, was wohl als nächstes passieren könnte) Geiseln dazu zu zwingen, sich gegenseitig zu töten oder zu foltern, während sie gefangen sind, um irgendeine Art von Überlebensspiel zu veranstalten, irgendein Mädchen vor der Klasse zu vergewaltigen, das er schon immer haben wollte, oder was auch immer. Mir fallen viele Dinge ein, die den Ruf des Buches tatsächlich rechtfertigen würden. Als ultimativen Tabubruch vielleicht sogar eine Stellungnahme, die Partei für den Schützen ergreift. Aber am Ende des Tages hat Charlie „nur“ zwei Lehrer getötet, der Klasse klischeehafte Geschichten über seinen missbräuchlichen Vater erzählt, darüber, verprügelt und gemobbt worden zu sein, keinen hochzubekommen, als ein Mädchen mit ihm schlafen wollte (was vermutlich realistische Motive für traumatisierte Schulschützen sind, dessen bin ich mir bewusst, aber die Realität ist oft nicht besonders interessant), und dann die anderen Schüler peinliche Geheimnisse erzählen lassen, bevor sie am Ende den bessergestellten Liebling der Klasse demütigen.
Ich kann bis zu einem gewissen Grad verstehen, warum Stephen King mit dem Buch nicht glücklich ist – vor allem wäre ich selbst nicht glücklich damit, weil es so banal ist – und auch, dass es ihn stört, dass einige Amokläufer es besessen haben. Aber irgendwie stößt es mir sauer auf, dass er es aus dem Druck nehmen ließ. Heavy-Metal-Bands haben ihre Alben nicht aus den Regalen genommen, Filme wurden nicht aus den Läden entfernt, und Videospiele wurden auch nicht entfernt – alles Medien, die beschuldigt oder als Inspiration für einige Täter genannt wurden. Vielleicht nervt es mich einfach, dass dieses lediglich okaye Buch so schwer in physischer Form zu bekommen ist. Aber ich mag es generell nicht, wenn Kunst veröffentlicht und dann wieder zurückgezogen wird. Egal, wie mittelmäßig sie sein mag – sie wurde geschaffen, sie wurde veröffentlicht, und in meinem Verständnis bedeutet das, dass sie der Welt gehört und verfügbar bleiben sollte. Statt das Buch einfach nicht mehr zu veröffentlichen, hätte ich eine aktive Auseinandersetzung Kings mit dem Inhalt anspruchsvoller und sinnvoller gefunden, beispielsweise durch ein Vorwort oder einer Nachbesprechung im Nachwort, sein "Guns" Essay im Anhang. Sowas in die Richtung.
Klingt schlechter als es ist, Unterhaltung wird geboten, kann man sich definitiv geben und ist kurz genug um nicht langweilig zu werden.
Wie auch immer, nur meine zwei Cent. Als Nächstes ist The Long Walk dran.
Aktuelles King Ranking:
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