Ich hab
Die 120 Tage von Sodom vorher nur 2mal gesehen, auf der alten Legend DVD und dann nochmal auf Blu-ray vor etlichen Jahren. Beim ersten mal war ich angeekelt und auch der Film war sehr unangenehm, das weiß ich noch. Und die berühmt-berüchtigten Szenen blieben natürlich im Gedächtnis.
Heutzutage wo man älter ist, sich etwas mehr mit dem Film beschäftigt hat und evtl. was dazu gelesen hat ist man besser drauf vorbereitet. Zumal man heute auch mehr auf Dinge achtet wie Kamera, Inszenierung etc. Er ist aber auch jetzt noch keine leichte Kost und hat von seiner Aussage (Faschismus- und Konsumkritik) nichts verloren. Das ist heute genauso aktuell wie damals, wenn nicht sogar, dank Internet und Social Media noch mehr.
Mit dem Höllenkreis der Scheiße komme ich aber mehr zurecht als mit dem des Blutes. Das Finale fand ich auch jetzt noch teils sehr unangenehm z.B. die Skalpierung. Zumal man auch die Schreie der Opfer nicht hört, nur Musik. Diese ganze Sequenz hat eine richtig bedrückende, unangenehme Atmosphäre und ist anders als wenn ich jetzt etwas vergleichbares in einem Horrorfilm oder Slasher sehen würde. Im Bonusmaterial oder auch in der Bildergalerie sieht man ja, dass das Finale eigentlich noch umfangreicher und expliziter gedacht war.
Da fand ich den Höllenkreis der Scheiße nicht mehr "so schlimm", es ist eigentlich schade das viele
Saló nur auf die "Scheißeszenen" reduzieren.
Kleine Anekdote: Beim Höllenkreis der Leidenschaften gibt's ja auch die recht bekannte Hundeszene, als die kam hat mein Hund gleich mit gebellt und fand das glaube ich sehr interessant.
Die deutsche Synchro ist sehr gut besetzt, die ist ein bisschen theatralischer bei der Wortwahl, passt mMn aber sehr gut und ist auch keineswegs verfälschend.
Es ist eine Münchner Synchro mit bekannten Stimmen aus der Zeit wie Marthin Hirthe als Fürst und den großartigen Herbert Weicker (u.a. dt. Stimme von Leonard Nimoy, Christopher Lee & Sidney Poitier) als Bischof. Eine der älteren Prostituierten ist Marianne Wischmann (Die blaue Elise). Bei den Opfern und Helfern doppeln sich aber manche Sprecher, so hören wir z.B. Ivar Combrinck mehrmals.
Die Bildqualität ist großartig, ich kann zwar mich nicht mehr erinnern wie der Film bei den früheren VÖs ausgesehen hat (ob jetzt gelb- oder grünstichig), aber das ist hier nicht mehr gegeben. Diese tristen, kühlen Farben was die Abtastung hat, passt auch wunderbar zum Film. Nur bei der Gedichtsszene ist die Qualität etwas schlechter. Natürlich sind die Effekte durch die gute Qualität deutlicher zu erkennen.
Die Untertitel müssen ja ein Heidenaufwand gewesen sein, nicht nur Film auch die Extras sind mehrsprachig untertitelt.
Bei den Audiokommentaren ist der erste von Marcus Stiglegger und Lioba Schlösser, die
Saló eher filmwissenschaftlich betrachten. War auch interessant das ganze mal aus der Sicht einer Frau zu hören, auch wenn Lioba Schlösser im Vergleich etwas weniger erzählt. Der zweite ist von Rolf Giesen und Gerd Naumann und ist mehr filmhistorisch. Erstmal hat es mich gefreut Herrn Giesen nach langer Zeit mal wieder bei Wicked Vision zu hören, bis Corona war er ja regelmäßiger Stammgast. Rolf Giesen schweift natürlich wie man es gewohnt ist ins Thema Faschismus, Drittes Reich ab, aber hier ist es natürlich mehr als angebracht und passend und er ist der Meinung das Pasolini wegen diesem Film umgebracht wurde. Es wird auch darüber gesprochen, dass das ganze mehr einer Theaterinszenierung gleicht und Gerd Naumann meint noch die deutsche Synchro steigert das ganze, dem würde ich auch zustimmen.
Nr. 3 ist von Eugenio Ercolani und Troy Howard, die beiden reden sehr viel über Pasolini, seinen Tod und den diversen Gerüchten und auch über die Darsteller. Sie gehen auch kurz auf die bereits erwähnte Szene mit dem Gedicht von Gottfried Benn ein, die ja z.B. bei Criterion fehlt.
Bei 3 Kommentaren wiederholen sich natürlich ein paar Sachen, aber jeder Kommentar verfolgt einen anderen Ansatz.
Weitere Extras der UHD und Blu-ray sind der alte deutsche Kinotrailer (Trailersprecher ist Rolf Schult), der italienische Originaltrailer und eine sehr umfangreiche Bildergalerie.
Beim Bonusmaterial auf der Bonus Blu-ray hab ich noch nicht alles gesehen. Für mich am interessantesten von dem was ich bisher geschaut habe, waren die Doku "Whoever Says the Truth Shall Die" über Pasolinis Leben und "Das Höllenlabor" über die Deleted Scenes in Form von Fotos. Also beim Höllenkreis des Blutes fehlt ja doch einiges.
Auf der Bonus DVD befindet sich dann die zeitgenössische Diskussionsrunde des WDR "Salò oder eine Zensur findet nicht statt". Das war schon manchmal zum schmunzeln. Gerade der Journalist, der hatte ja irgendwie nicht nur was gegen den Film sondern auch gegen Pasolini. Dann die einzige Frau, die nur 2-3mal zu Wort kommt, nur um von den Herren unterbrochen zu werden. Für uns deutsche Fans sicher ein interessantes Zeitdokument.
Dann haben wir noch das Buch, trotz 80 Seiten war das relativ schnell durchgelesen und sehr interessant. Der umfangreichste Teil (Seite 2-45) stammt von Christoph Kellerbach und beschäftigt sich sehr ausführlich mit Pasolinis Leben und Tod, der Produktion und den Dreharbeiten von
Saló und der schwierigen Veröffentlichungsgeschichte (u.a. in Deutschland). Im zweiten relativ kurzen Teil (Seite 48-52) von Lioba Schlösser geht es um die weibliche Perspektive auf den Film, auch sehr interessant. Der letzte Teil (ab Seite 54) dreht sich um die lange Geschichte der Indizierung und deren Aufhebung in Deutschland. Als Zitate gibt es auch immer die jeweiligen Begründungen der Prüfstelle zu lesen.
Zwischendurch gibt es im Buch auch immer mal Bilder aus dem Film oder dt. Zeitungsausschnitte von damals über
Saló zu sehen.
Ob man den Film jetzt sehen möchte oder nicht ist am Ende jedem selbst überlassen. Man kann natürlich nachvollziehen, dass der nicht für jeden was ist. Ich für meinen Teil bin aber sehr froh, "das man nicht alleine gelassen wird" und es bei dieser Edition soviel an Bonus- und Begleitmaterial zu
Saló gibt, das hilft einem wirklich den Film und Pasolini besser zu verstehen. Was Veröffentlichung und Präsentation angeht haben sich die 60€ definitiv gelohnt.