Jo, Platz 5 in meinem Christopher-Nolan-Ranking. War spitze (wenngleich nicht frei von Schwächen)!
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Gedanken dazu:
Die "Antikriegsbotschaft" funktionierte für mich allein deswegen, weil der letzte Shot weit über den Krieg als Fanal hinausreicht - er adressiert, über den Krieg, eine Ursünde des zivilisatorischen Regelsystems (die aber nicht durchweg der Krieg in Vollendung sein muss, schließlich hadern die Männer Odysseus' und Odysseus als solcher im Kleinen wie Kleinsten - ich würde es als den Missbrauch von Vertrauen interpretieren).
Man könnte es dem Film negativ und gefühlt ahistorisch auslegen, dass Nolan Oppenheimer im Geiste bloß fortsetzt und ein alternatives historisches Setting findet, um die Genese des instrumentellen Bösen wiederholt zu begründen. Was die Atombombe war, ist nun der Fall Trojas, und verfolgt man (populärhistorisch) die Zivilisationsbrüche der Moderne, landet man von Troja und der Atombombe zwangsläufig irgendwann in Auschwitz, Vietnam und, wenn man will, Abu Ghuraib. Diese "Singularitätslinie", die Zivilisationsbrüche reihum in Beziehung setzt, halte ich für abgegriffen, unterkomplex und dekontextualisierend.
Spannender war für mich der Fall Trojas als vermenschlichte Theodizee: Wenn durch eine (menschliche) Lüge, durch die Vernunft die Geschicke des Westens übergreifend begannen, kam dann (auch), dank eines Menschen, der Zeus ironischerweise überwindet, das Böse in die Welt?
Zumindest sind sich Odysseus und Oppenheimer nicht unähnlich. Männer, die zu einer spezifischen Umbruchszeit "da" sind, Moderne mitgestalten, Moderne gleichermaßen pervertieren, weil sie selbst, Opfer ihrer Erfindung(en), mitgestaltet, mitpervertiert werden. Durch den Film hinweg spürt man abermals diese Trauer der in die Zukunft gerichteten Tat.
Mich berührte Die Odyssee, ich wunderte mich eher, warum Zuschauer emotional gar nicht mitgingen. Am berührendsten war sicher der Heimatkitsch in Gestalt einer Depression: Steuerte Odysseus gezielt Inseln an, um den Weg zu seiner Heimat zu verschleppen? Der Kitsch von Nähe, die Welten trennt. Eine der formal anregendsten Ideen war es, Penelope zu separieren. Man sieht sie hinter einer Wand, hinter einem Schleier, geisterhaft. Bekommt dadurch der Mythos der Penelope eine Form, die unangreifbar, unberührbar sich den Gewalten von Männern aussetzt wie widersetzt, oder entkörperlicht und entsubjektiviert der Krieg den Menschen? Oder bedingt das eine das andere?
Apropos: Zu Jennifer Lames assoziativer Montage meinte ich scherzhaft zu meiner Begleitung, die sich mit den "Anforderungen" der IHK bei eigenen filmischen Projekten einst herumschlug: Der Schnitt wäre von denen rigoros abgelehnt worden, zu "verwirrend", zu wenig continuity editing; tatsächlich dirigiert Lame poetisch durch eine Reihe von Erinnerungsfragmenten in Erinnerungsfragmenten. Christopher Nolans neu hinzugekommene Sinnlichkeit, bei der der Schnitt seine Unsichtbarkeit verliert, gefällt. Mein Lieblingsschnitt: von (menschlichem) Kopf zu (göttlichem) Kopf.
Ich frischte als Vorbereitung Following (1998) wieder auf - ja, die "Kinderkrankheiten" hatte Nolan bereits dort, und sie sollten nie gänzlich kuriert werden. Kinderkrankheiten wie: Subtext zu verbalisieren (Odysseus hält noch einmal einen schweren Monolog an der Wand nahe seiner Frau, das Gedachte und das Gesagte, Text, Subtext und Metatext fallen idiotensicher in eins), eine philosophische Idee grobschlächtig in Genre kippen zu lassen; die Figurenanzahl ist jedenfalls massiv, bei der Nolan hin und wieder Schwierigkeiten hat, bekannten Gesichtern Relevanz zuzuweisen (Mia Goth z.B.), ebenso den Episoden der Odyssee, deren Verweildauer schwankt. Meine Begleitung kam schwer(er) rein, die Expositionsdialoge lähmten. Ich konnte es nachvollziehen.
Leider lässt er nicht locker (mein Lieblingskritikpunkt): Aus Christopher Nolan wird in diesem Leben kein Actionregisseur mehr. Wenn Nolan Action abstrahiert und der Raum während des Sehens vom Publikum selbst hergestellt werden muss (exemplarisch in der Höhle des Zyklopen), dann funktioniert es. Es funktioniert nicht, wenn Nolan direkt das Gefecht gewohnt steif (The Dark Knight Rises), gewohnt zerschnitten (Batman Begins) bebildert.
Glücklicherweise hat er Jennifer Lame und Ludwig Göransson an seiner Seite, die der Erstürmung Trojas einen tickenden Herzschlag-Herzinfarkt-Intensivstation-Bombast verleihen. Schnitt wie Musik sind in dieser Szene am formschömsten aufeinander abgestimmt.
Horror hin oder her (auch ich wünsche ihm einen Horrorfilm) - was Benny Safdie (als antiker Darth Vader), Jon Bernthal und Lupita Nyong'o an dunkelschwülstiger Präsenz, an emotionalem (Narben-)Ornament unter Beweis stellen, hätte möglicherweise den besseren, den noch dunkleren Film ergeben!
Letztlich muss ich Menelaus' Frage aber bejahen - diese Geschichte hat mich bewegt. Statt verkopfter Mathematik (er)findet Christopher Nolan das modernistische, sich seiner Materialität hingebende Erzählkino, bei dem Geschichte in Gegenwart gegossen wird. Wo andere Filmschaffende von einer einzigen Idee ihr Leben lang zehren, finde ich diese Entwicklung, auch oder vor allem durch die künstlerischen Impulse neuer und neuerer Wegbegleiter, beachtlich.
Oppenheimer gab mir mehr zum Denken, Interstellar zum Fühlen. Odysseus hingegen schippert irgendwo zwischen Denken und Fühlen - und dem sicheren, unsicheren Hafen großen verkehrsverunglückten Kinos, zu dem man sich verhalten muss und sollte. {3,5/5 ❤️}