Ich, die ich Männer nicht kannte aka
Moi qui n'ai pas connu les hommes (Jacqueline Harpman, 1995 [dt. 2026])
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TikTok empfiehlt! (Oder so.) Nun hat es
Ich, die ich Männer nicht kannte nach Deutschland geschafft. 40 Frauen werden in einem Keller gefangen gehalten, sie werden versorgt und sechs Wärter (mit Peitschen) passen auf sie auf. Ihr Leben wird überwacht und reglementiert, nichts dringt nach "draußen", wenig verändert sich "drinnen" - bis die Frauen es durch Zufall nach draußen schaffen und Inneres die Lage fortwährend verkompliziert. Auf den Spuren der skelettierten, bürokratisch dokumentierenden Sprache Cormac McCarthys: Schmucklos protokolliert die Ich-Erzählerin (sie, die jüngste Frau, ein Mädchen, ca. 15 Jahre) das Geschehen, die Suche, die hoffnungslose Suche. Nach Zivilisation, nach ... irgendetwas, im Nirgendwo. Vor allem: nach (ihrer) Sprache. Der Roman hebelt sämtliche gängigen Vorstellungen einer selbsterklärenden Dystopie aus. Das narrative "Nichts" beherrscht alle drei Segmente, denen sich Jacqueline Harpman widmet. Diese Leseerfahrung frustriert ohne Zweifel. Man meint, bald das große Ganze zu erfahren, die Lücke zwischen dem Davor (der vorherigen Welt) und dem Danach (der gegenwärtigen Welt) zu füllen - doch:
Ich, die ich Männer nicht kannte verweigert.
Ich empfand die existenzielle Widersprüchlichkeit hochgradig faszinierend. Da dem Leben, in dem die Frauen existieren, die Bindungs- und Rollenfunktion(en) des sozialen Nahfeldes fehlen, wird es, obschon übersichtlich(er), philosophisch entwurzelter und archaisch, insbesondere abstrakt. Wiederkehrende Tätigkeiten, wiederkehrende Handgriffe. Immer wieder sind die Frauen bemüht, Essen zu holen, Feuer zu machen, ihre Kleidung zu flicken, in Erinnerungen zu schwelgen und zu hoffen. Das repetitive wie redundante Moment des Romans speist sich aus einem Rhythmus des Mangels, des Fehlens. Es fehlen die determinierten Kodizes des gesellschaftlichen Gestaltens, perverserweise gar der Ausbeutung. Noch einmal von vorn anfangen, zu wissen, zu denken. Und trotz dieser Begrenzung der künstlerischen Mittel schafft Harpman poetische, rührende Szenen (vorzugsweise des Sterbens). Bei denen musste ich mehrmals schlucken, auch hier unterläuft die Autorin Erwartungen,
wer stirbt und wer aus welchem Grund auf welche Weise sterben
will. Das Vage hält sich derart aufrecht, dass ich als Leser - so ging es jedenfalls mir - endlich erlöst werden möchte. "Erlösung" besteht bestenfalls aber darin: Wellen- werden zu Hügellandschaften.
Was die feministische Einordnung des Romans betrifft, vollführt Jacqueline Harpman einen Kniff, der sowohl jenen das Wasser abgräbt, die einen streng personalisierten Zugang zu feministischer Literatur haben (eine Autorin, eine Erzählerin, weibliche Protagonistinnen, männliche, wenn man denn will, "Antagonisten"), als auch jenen, die Feminismus mit Weiblichkeit gleichsetzen. Meinem Verständnis nach benutzt Harpman die feministische Ausgangslange ihrer Geschichte, um Feminismus (endlich wieder!) in eine Struktur zu überführen, die im individuellen Unterdrückungsschicksal
nicht stagniert. Mit Blick auf die Opfer der Diegese, des nicht namentlich ausgebreiteten "Ereignisses" berücksichtigt Harpmans Feminismus die patriarchalen Unterdrückungsdynamiken
jeglicher Geschlechter in ihren voneinander divergierenden Machtpositionen. Dies vergrößert die Bandbreite des Analyseinstrumentariums, und die resultierende Erkenntnis gibt zu denken: Der Unfreiheit zu entkommen, lädt erst zu ihr ein. Ich hatte Vergnügen an
Ich, die ich Männer nicht kannte (und gleichsam das Gefühl, manche Ebene, beispielsweise die sprachtheoretische, noch nicht gänzlich durchdrungen zu haben). {
4/5 ❤️}
...
Als Lost-Fanboy, als Fanboy der sagenumwobenen Luke (
) kam ich hier ebenso auf meine Kosten!
Auf zum Podcast! Ich bin gespannt, inwieweit sich meine Notizen decken werden (oder auch nicht).