Du kannst bei Rocannons Welt anfangen, er Hainish Zyklus liest sich (fast immer) unabhängig von einander, es spielt alles in der selben Welt, aber eben liest sich auch jeder Roman und jede Kurzgeschichte für sich. Rocannons Welt ist als ihr Debüt Roman natürlich noch nicht so fein geschliffen im Stil wie ihr Hauptwerk und späteren Büchern, außerdem gibt's da noch kleine Abweichungen vom späteren Worldbuilding. Deshalb kann man auch gerne mit einigen Titeln anfangen, wofür sie wirklich berühmt wurde wie Die links Hand der Dunkelheit oder Freie Geister (The Dispossessed, auch als Planet der Habenichte oder Die Enteigneten veröffentlicht). Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich glaube ich zu Freie Geister greifen. Die Kurzgeschichten sollte man der Reihe nach Lesen, weil die meisten sind zwar auch unabhängig, aber es gibt in späteren Verlauf jeweils ein paar Geschichten die sich mehr oder weniger direkt fortsetzen. Außerdem gibt es 3 Stück die direkten Bezug auf Die linke Hand der Dunkelheit und Freie Geister nehmen, auf deren Welten spielen und sich erst richtig entfalten können wenn die Romane dazu gelesen wurden. Die Kurzgeschichten sind gerade erst gesammelt und chronologisch im Sammelband Der Tag vor der Revolution im Fischer Tor Verlag erschienen und füllen da die zweite Hälfte der Sammlung. Der erste Teil beinhaltet eine Auswahl von Kurzgeschichten außerhalb des Hainish Zyklus. Große Highlights sind da imo Die aus Omelas fortgehen, Schrödingers Kater und Das Gesichtsfeld, Highlights auf einen Konstant hohem Niveau.
Verlorene Paradiese kann ich auch nur als Start ans Herz legen, die Novelle spielt nicht im Hainish Zyklus und liest sich verdammt flott weg. (Die Geschichte ist leider auf Deutsch hart vergriffen, man bekommt nichtmal das E-Book noch offiziell gekauft. Ich kann schon spoilern das der Caracosa Verlag im Frühjahr 2027 ihn einer schönen Ausgabe neu auflegen wird. Bis dahin gerne eine PN an mich, da werden sie geholfen. ;))
Ebenfalls nicht in Hainish Zyklus spielend, gut und kompakt zu lesen ist Die Geißel des Himmels, eine Geschichte zu Ehren von Philipp K. Dick und entsprechend geht's auch um die Natur der Realität. Mit Dick ging sie übrigens zur selben Zeit auf die selbe Hochschule, aber hatten dort keinen Kontakt. Vor kurzem hat es Hannes Riffel auf einen Vortrag ein wenig überspitzt ausgedrückt: Die Geißel des Himmels ist ein Philipp K. Dick Roman, der sich so liest als ob er schreiben könnte.
Um es nochmal kurz zusammen zu fassen:
Freie Geister
Verlorene Paradiese
Die linke Hand der Dunkelheit
Die Geißel des Himmels
So würde ich dir empfehlen zu beginnen, da hast du ein guten Überblick über die Autorin und eine Ahnung von ihrer Bandbreite. Ab dann den Rest des Zyklus chronologisch nach der Veröffentlichung. Und bei Gefallen auch alle anderen Geschichten, da gibt's eigentlich nichts schlechtes, ihr Werk ist aber das sei gesagt immer mehr an den gesellschaftlichen und philosophischen Aspekt der Science-Fiction als technischen oder naturwissenschaftlichen Abhandlungen gelegen.
Eine "Warnung" womit man auf keinen Fall anfangen sollte ist Immer nach Hause. Nicht weil es schlecht ist, auf keinen Fall und es gilt auch als ihr "Hauptwerk", aber es ist sehr speziell. Es ist kein Sachbuch, kein Roman aber auch keine Kurzgeschichten. Es ist eine Sammlung an Geschichten, Gedichten, Liedern, anthropologischen Betrachtungen, Legenden, Mythen. Und das Buch will nicht linear gelesen werden, es ist eine Entdeckungsreise der besonderen Art und sollte erst gelesen werden, wenn man mit Le Guin bereits vertrauter ist.
Sie hat noch soviel mehr zu bieten, wenn man epische Fantasy lesen will ist ihr Erdsee Zyklus nur ans Herz zu legen oder ich hab z.B. die zum Hainish Zyklus zugehörenden Novellen Das Wort für Welt ist Wald und Die Erzählung sträflicherweise noch gar nicht erwähnt. Aktuell lese ich ihren letzten Roman Lavina, die Geschichte des Aeneas aus der Perspektive seiner Frau.
Und noch eine Anmerkungen zu den Übersetzungen. Bei Fischer Tor und Caracosa sind ihre wichtigsten Geschichten neu aufgelegt und meist von Karen Nölle neu übersetzt worden und diese würde ich auch empfehlen. Es gibt auch zuvor durchaus brauchbare Auflagen, aber auch viel gekürztes und/oder sprachlich wird es Le Guin nicht gerecht. Bei den Romanen Rocannons Welt, Das zehnte Jahr und Stadt der Illusionen würde ich zu der Heyne Ausgabe Hainish -Drei Romane in einem Band tendieren, die leider gerade gebraucht sehr teuer ist. Da der Caracosa Verlag angekündigt hat, jedes Programm mit mindestens einen Titel von Le Guin im Programm zu haben und auch Fischer Tor Le Guin für sich wieder entseckt hat, kommt da sicher bald etwas wo man dann updaten kann. :)
Vielleicht ein wenig viel Text, aber ich hoffe es hilft und wenn du bis hierhin gekommen bist, Danke. ^^