Die box zeigt, daß die Verlage (durch brilliant?) allmählich kapiert haben was für Schätze im Archiv liegen. Und vermutlich gibts mehr Kontrolle und Ertrag wenn man selbst veröffentlicht, statt nur Lizenzen zu vergeben.
Nee, das läßt sich so nicht sagen. Früher noch nicht, heute nicht mehr.
Als Brilliant Classics ihre Strategie begannen, preisbewußte CDs mit guten Aufnahmen zu veröffentlichen, stießen sie dabei in die damalige 10-DM-Klasse vor, was die etablierten Labels wie DG oder Decca usw. kaum beachteten; dort trieb sich ja in deren Augen der Bodensatz herum (was ja auch stimmte). Und da hat bis ca. 2005 Brilliant kräftig aufgemischt, weil außer vielleicht Naxos kein anderes Label sich einen guten Ruf bei den Käufern aufgebaut hatte.
Dann begannen die großen Firmen erst, ihre eigenen Backkatalog-Aufnahmen selber in großen Boxen zu verwursten. Da kam dann z.B. die oben von dir verlinkte Box heraus: 50 CDs aus bereits abgegoltenen Aufnahmen, die aber nicht mehr neu aufgelegt waren. Die DHM-Box hatte ursprünglich um die 100,- € gekostet und ging bei Amazon/jpc irgendwann zu Angebotspreisen von ca. 50, -€ (ja - 1,- € pro CD!) weg. Ich habe die nämlich auch gekauft. Die 59,99 € sind der Preis, den die Box zuletzt bei jpc hatte, denn auf der Website siehst du, daß sie ausverkauft ist. Die ist seit gut sechzehn Jahren nicht mher regulär erhältlich.
Sie alle - Sony, Universal, Warner - brachten viele dieser Boxen heraus zu einzelnen Instrumentalisten, Sängern, Ensembles oder Dirigenten. Um 2015 hattest du echt eine gute Chance, für 1-2 € pro CD dir eine Menge gute Aufnahmen einzusacken. Und da war alles dabei: Schellackaufnahmen, Monoaufnahmen, frühes Stereo (wie z.B. Living Presence), späte Analogzeit, Digitalaufnahmen von der Frühzeit bis hin zu VÖs, die schon drei Jahre nach Erstveröffentlichung in so einer Box landete. Und es gab noch vielmehr Boxen in Bereich von 10-20 CDs pro Einheit, die sich auch bestimmten Repertoire oder Künstlern widmeten, die aber nicht so viel aufgenommen hatten.
Das lag vor allem an der Preispolitik der Erst-VÖs: denn die alte Taktik - Erstauflage zu Vollpreis, erst nach einem Jahr Angebotspreis, günstige Neuauflage erst nach Abverkauf der Erstauflage - lief Ende der 90er nicht mehr so gut, und allein durch Amazons Angebotspolitik wurde sie zerlöchert. Seit 2010 kenne ich nur: Erstauflage Vollpreis, zwei Monate später Preisnachlaß, nach sechs Monaten höchstens 10,- € mit Bündelangebot für 3 für 24,- €, nach einen Jahr 5-7 € bis Ausverkauf.
Und genau das alles ist jetzt auch wieder hinfällig. Seit 2020 gibt es bei Neuerscheinungen eine kleine Auflage, die fast immer nach 9-12 Monaten abverkauft ist. Angebote können vorkommen, aber diese sind nicht mehr so niedrig wie zuvor. Weder die großen Majors noch die kleinen Labels machen das noch, denn die Antwort ist: es gibt noch einen harten Kern, der physisch kauft, der Rest streamt.
Bei den neuesten Boxen im Bereich von 20 CDs aufwärts ist es auch nicht mehr so günstig: die meisten liegen bei 3-4 € pro CD und enden im Angebot vielleicht mal bei 2,- € pro CD. Aber sie sind dennoch fast alle nach sechs Monaten ausverkauft.
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Und vermutlich gibts mehr Kontrolle und Ertrag wenn man selbst veröffentlicht, statt nur Lizenzen zu vergeben.
Anfangs wurde Brilliant nicht für voll genommen, dann hat man ihnen nichts mehr gegeben und es selber verwurstet, schließlich haben die Majors das Streaming entdeckt, wodurch das physische Medium an sich den Bach runterging, weil ohnehin der Preisdruck übelst geworden war. Jetzt ist es Nischenverhalten, aber der Hauptaugenmerk liegt in digital. Daß es noch CDs und wieder LPs gibt, liegt am Nischenverhalten der beiden Medien: es gibt Kunden für Beides, und die bezahlen den Preis. Wer abstauben will, kann noch Boxen kaufen, aber auch die sind nicht mehr so günstig.
Streaming ist für die Labels super: keine physische Kosten, sie bekommen für nicht mehr im Katalog befindliche Aufnahmen noch ein bißchen Geld und haben kein Risiko. Die Lizenznehmer haben die Kosten, die Gebühren und das Risiko; früher war es Briliant Classics, jetzt ist es Spotify/Tidal/wasauchimmer. Und um dem Stream zu erstellen, brauchst du im Zweifelsfall nur die CD aus deinem Katalogbestand zu nehmen und zu digitalisieren. Die Aufarbeitung fürs Streamen machen eh die Lizenznehmer.