Nachdem ich ihn nun zweimal gesehen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Inarritu hier ein Meisterstück gelungen ist.
Für mich definitiv einer der Filme des Jahres. Und ja – dieser Film scheißt einen großen Haufen auf konventionelle Sehgewohnheiten und den Massengeschmack im Allgemeinen. Er spielt mit erwartbaren Erwartungshaltungen der Zuschauer, nur, um diese dann rotzfrech zu unterlaufen. Bis ungefähr zur Hälfte, dachte ich noch, ich weiß so ungefähr, wo die Reise hingeht. Dann kommt plötzlich dieser Moment, der alles irgendwie über den Haufen wirft, was ich vorher noch gedacht habe. Beim zweiten Mal habe ich an dieser Stelle geschmunzelt und meinen Blick durch den Kinosaal schweifen lassen. DIGGER läuft bei uns ziemlich schlecht, aber die wenigen Leute, die ihn wirklich sehen wollten, fanden ihn offenbar sehr gut. Da hatte ich schon ein interessantes Gespräch mit zwei Gästen.

Natürlich sind auch welche während der Vorstellung rausgegangen – was mich aber nicht wundert. Die verwirrten und dezent verstörten Gesichter mancher Leute sagen mitunter mehr als jede Filmkritik – da fühlten sich wohl einige in ihrer Komfortzone belästigt.
Aber genau darum geht es. DIGGER ist in seiner Inszenierung sicherlich enervierend, aber auf positive Weise, wie ich finde. Die Darsteller hatten offensichtlich großen Spaß, mal so richtig über die Stränge schlagen zu dürfen. Tom Cruise ist klasse, aber John Goodman stiehlt allen die Show, wenn er als US-Präsident völlig austickt. "Wenn Europa beim Scheißen die Hose anbehält, ist das doch nicht unser Problem!" (oder so ähnlich) – die Sprüche sind mitunter der absolute Brüller. Apropos brüllen – gebrüllt wird hier fast den kompletten Film über. Und DIGGER ist ein extrem dialoglastiger Film. Fast wie ein Theaterstück, bloß völlig grotesk überzeichnet, was sich auch in der Optik des Films widerspiegelt. Die gelegentlichen Vergleiche mit Terry Gilliams Werken sind in meinen Augen durchaus treffend.
Man stelle sich einfach mal vor, was passiert wäre, wenn Stanley Kubrick und Christoph Schlingensief mal ein gemeinsames Filmprojekt ausgeheckt hätten. Kubrick hätte natürlich seine extravaganten Technikspielereien eingesetzt und die Darsteller zur Perfektion getrieben, während Schlingensief stets für kreatives Chaos gesorgt hätte, damit immer Raum für das Spontane und Unvorhergesehene bleibt. Schlingensief hätte Kubrick wohl ständig mit verrückten Ideen genervt und ihm gesagt: "Die Darsteller müssen laut sein. Die sollen schreien, nicht reden. Subtilität am Arsch – wir müssen den Leuten die Wahrheit ins Gesicht schreien, Stanley!" Ja, so würde ich mir die Zusammenarbeit der beiden vorstellen.
Dies ist ein Film für Leute, die sich gerne überraschen lassen wollen und gegen den Strich gebürstete Werke zu schätzen wissen. Ich hatte einen Heidenspaß bei diesem Film. Mehr möchte ich gar nicht erzählen.
9/10
Die spoilerfreie Besprechung von Peter Osteried bringt es mMn sehr gut auf den Punkt:
Unsere Filmkritik zur Satire 'Digger'. Warum Tom Cruise in Fatsuit und Alters-Make-up brilliert und Iñárritus Öl-Satire ein Meisterwerk ist. 5/5 Sterne.
kinofans.com