Meine Meinung zum Film:
Nachdem sich Uwe Boll bereits in Run mit dem Thema Migration und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft beschäftigt hat, legt er mit Citizen Vigilante einen Film vor, dessen Aussage der von Run diametral entgegen gestellt ist: Sind in Run, ganz politisch korrekt, die Migranten überwiegend positiv gezeichnet und mit Vorbehalten gegenüber Einwanderern behaftete Weiße das eigentliche Problem, so lässt er in Citizen Vigilante mit Sanders einen in Europa lebenden amerikanischen Unternehmer das Recht in die eigene Hand nehmen, da der Staat den Schutz seiner Bürger nicht mehr gewährleisten kann bzw. bei der Bestrafung der Täter falsche Milde walten lässt.
Es stellt sich hier die Frage, ob Boll einen Film gedreht hat, der Selbstjustiz rechtfertigt, da Sanders für seine Taten erfolglos von Interpol gejagt wird und über die sozialen Medien internationalen Zuspruch bekommt. Das Rechtfertigen von Selbstjustiz ist nicht neu, sondern aus Filmen wie Ein Mann sieht rot oder Ich spuck auf dein Grab hinreichend bekannt. Vergleicht man Citizen Vigilante mit diesen Filmen wird klar, dass Boll ein Handlungselement solcher Filme gerade nicht umsetzt: Die Eignung der Hauptperson als Identifikationsfigur: Sanders hat mit den Opfern, in deren Namen er Selbstjustiz übt, nichts zu tun, er ist keine Familienvater, der nach einem Angriff auf seine Familie, den seine Frau nicht überlebt, das Recht in die eigene Hand nimmt. So geschehen in ein Mann sieht rot. Er ist auch kein Verbrechensopfer wie die weibliche Hauptfigur in Ich spuck auf dein Grab. Vielmehr hat er selbst keine Familie und seine Mutter früh verloren. Sein Vater hat ihn in Internate abgeschoben, schließlich fand er im amerikanischen Militär wohl eine Art Ersatzfamilie
Nach dem Tod seines Vaters übernimmt er dessen Immobilien, deren Verwaltung er herrisch und mit dem Ziel der absoluten Gewinnmaximierung betreibt. Als rücksichtloser Kapitalist ist es nur Profitgier, nicht Moral, die ihn antreibt.
Das wird auch deutlich in der Szene, in der er einer Jugendgang, deren Fahrscheine er vorher bezahlt hat, damit sie nicht aus dem Bus geworfen werden, mit rein ökonomischen Argumenten darüber belehrt, dass Schwarzfahren falsch ist.
In der Szene, in der er einem SWAT-Team, das ihn festnehmen will, eine Falle stellt und fast aller erschießt, wird klar, dass es ihm nicht darum geht, der Polizei gewissermaßen auf die Sprünge zu helfen: Er will seine krude Vorstellung von Gerechtigkeit durchsetzen und schreckt dabei nicht davor zurück, Polizisten zu erschießen. Das wird noch von einer späteren Szene übertroffen, in der einen wohl tödlichen Verkehrsunfall auslöst, um einem Richter, den er gerade entführt hat, seine Theorien über menschliches Verhalten zu beweisen.
Die wohl kontroversteste Szene ist die Hinrichtung eines jugendlichen arabischen Einwanderers, der mit anderen, überwiegend migrantischen Jugendlichen, ein Mädchen vergewaltigt hat, jedoch ebenso wie die Mittäter nichts ins Gefängnis muss, weil der Richter ihn und den anderen mildernde Umstände aufgrund ihres Migrationshintergrunds bescheinigt hat. Nicht nur der Jugendliche, sondern auch seine ganz Familie, die sein Verhalten rechtfertigt, werden von Sanders zusammen mit den unter Zwang per Handy herbeigerufenen Mittätern erschossen.
Eine derartige exzessive Ausübung von Selbstjustiz ist für Filme dieses Genres unüblich, da es dort fast immer nur die eigentlichen Täter trifft.
Boll lässt dem Zuschauer die Wahl zwischen einem ohnmächtigen Staat und einem selbstherrlichen Massenmörder, dessen Streben nach Gerechtigkeit nur ein Feigenblatt für die Auslebung seines Tötungsdrangs ist.
Ein radikaler, sehr zuspitzender und unangenehmer Film. Aber sicher kein schlechter Film.