Heute Abend ist Premieren-Gala im ehrwürdigen Tuschinskis-Kino in Amsterdam. Trotz des Rummels von wegen erster niederländischer IMAX-Film also kein IMAX-Kino für die Premiere, aber eben das schönste Kino der Stadt. Ich bin am Start und werde dann die Tage mal Eindrücke äußern.
So, jetzt aber ...
Amsterdamned II
Auf Einladung eines lieben Freundes hatte ich die große Freude, den Zug in Richtung des verfluchten Amsterdam zu besteigen, um der Premierengala des lang erwarteten Sequels beizuwohnen. Dank Streckensperrung ging das Gefluche allerdings schon vor der Landesgrenze los. Glücklicherweise schafften wir es schließlich mit gut 3 Stunden Verspätung doch noch rechtzeitig ins Hotel, um den feinen Zwirn überzustreifen und eiligst zum Kino zu stiefeln.
Die Premiere fand im wunderschönen, gut 100 Jahre alten Tuschinski-Theater statt. Erster niederländischer IMAX-Film hin oder her, für festliche Premieren ist dieses wahrlich filmreife Kino mit seiner Art Déco und Jugendstil vereinenden Architektur seit jeher der perfekte Ort. Da das Abendessen aus genannten Gründen ausgefallen war, mussten die im Foyer gereichten Häppchen des Snackautomaten-Anbieters FEBO die Grundlage für den durch die Heineken-Flatrate begünstigten Bierkonsum bilden. Im Kino selbst war der Bierkonsum allerdings untersagt, so dass alles in geordneten Bahnen ablief.
Vor der Leinwand spielte zunächst ein Organist auf der antiken Theaterorgel, die inklusive des Musikers per Aufzug hoch- und runtergefahren wurde. Sehr cool. Anschließend folgte eine kurze Anmoderation durch die so charmante wie hübsche Stephanie van Eer, die im Film übrigens einen kurzen Auftritt als Supermarktangestellte hatte. Als Liveschalte aufgemacht startete sie einen rasanter Vorfilm, in dem die beiden Hauptdarsteller sich per Jetski, Uber-Taxi und zu Fuß durch Amsterdam bis zum Tuschinski-Theater durchschlugen, um anschließend als Höhepunkt leibhaftig den Kinosaal zu betreten. Eine nette Idee, und auch schön umgesetzt.
Aber zum Hauptfilm. Amsterdam hat sich verändert in den letzten 37 Jahren. Weniger Dreck, mehr Neonlicht und vor allem: viele Touristen. Ein besonders nerviges Pärchen lässt sich des nächtens auf einer romantischen Bootstour über die Grachten schippern, säuselt auf englisch hohle Phrasen und äußert sich geringschätzig über die Stadt. Ein Frevel, der nicht ungesühnt bleibt, denn kurz darauf werden die beiden Turteltauben und ihr Kapitän aus dem Wasser heraus gemeuchelt und am folgenden Tag auf geschmacklose Weise der Öffentlichkeit präsentiert.
Die polizeilichen Ermittlungen fallen der toughen Jungpolizistin Tara Lee (Holly Mae Brood) zu. Offenbar wurden die Opfer unter Wasser gezogen und getötet, was auf einen Taucher hinweist. Schon bald ist ein weiteres Opfer zu beklagen, dessen ausgeweideter Körper ebenfalls auf spektakuläre Weise an einem städtischen Wahrzeichen ausgestellt wird. Hinweise auf ein Motiv finden sich indes keine.
Währenddessen hadert der pensionierten Polizist Eric Visser (Huub Stapel) mit seinem Alltag auf dem Altenteil. Zwar pflegt er ein gutes Verhältnis zu seiner Tochter Anneke (Tatum Dagelet) und kann sich über zwei wohlgeratene Enkelkinder freuen, doch seine verlorengegangene Anziehungskraft auf das schöne Geschlecht grämt ihn ebenso wie der mangelnde Respekt halbstarker Jugendlicher. Zu allem Überfluss hat eine DNA-Untersuchung ergeben, dass sein größter Erfolg, die Überführung des Grachten-Killers im Jahr 1988, offenbar auf einem Irrtum beruhte und der wahre Mörder nie gefasst wurde.
Kein Wunder also, dass Visser großes Interesse daran hat, nochmal richtig in den Fall der neuen Mordserie einzusteigen, um es sich selbst und allen anderen zu beweisen. Wenig verwunderlich aber auch, dass Lee so gar keine Lust auf Schützenhilfe durch den altklugen Pensionär hat. Doch als ein weiterer bizarrer Mord passiert, greift die Stadt zu drastischen Maßnahmen und setzt Spezialeinheiten ein, weshalb Lee von ihrer ermittelnden Tätigkeit entbunden wird. Das ungleiche Paar tut sich zusammen, um den Killer auf eigene Faust dingfest zu machen, da der Obrigkeit und den schießwütigen Marines der Durchblick fehlt.
Mehr soll an dieser Stelle gar nicht verraten werden. Mit Amsterdamned 2 legt Dick Maas ein kurzweiliges
Legacy Sequel zum ersten Teil vor, das also tatsächlich nach 37 Jahren an den ersten Teil anknüpft und dazu auch Hauptdarsteller Huub Stapel und sowie seine Filmtochter Tatum Dagelet wieder in ihren vertrauten Rollen aufspielen lässt. Das war auf jeden Fall schonmal eine weise Entscheidung, um die Fans des alten Kultfilms abzuholen. Zumal Stapel auf seine alten Tage immer noch ein unheimlich charismatischer Typ ist, der den Film im Wesentlichen trägt. Das soll gar nicht so sehr die Leistung von Holly Mae Brood schmälern, die eine guten Vorstellung als ebenso kernige wie sympathische Polizistin gibt. Aber insbesondere für die Fans des Erstlings stiehlt der alte Knochen natürlich allen anderen die Show.
Die vielleicht größte Herausforderung für den neuen Film dürfte darin bestanden haben, die für Maas typischen Seitenhiebe gegen Autoritäten, seine Provokationen gegen Moralaposteln und seine Vorliebe für Geschmacklosigkeiten in die moderne Zeit zu übertragen. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass alle Ecken und Kanten abgeschliffen werden bei dem Versuch, sich der
political correctness anzubiedern. Auf der anderen Seite besteht die durchaus reale Gefahr, als alternder Filmemacher auf unangenehme Art wahllos auf Phänomene der moderne Welt einzudreschen, was dann eben auch nichts mehr mit der früheren Unbekümmertheit zu tun hätte. Zum Glück gelingt es Dick Maas tatsächlich recht gut, wohl dosiert aber nicht übertrieben niveaulos Spitzen gegen all das zu platzieren, was ihn nervt oder wo ihm der Hype zuwider ist: Touristen, Tik-Tok-Videos, vegane Steaks, Drag Queens, LGBTQIA+, Yuppie-Anwälte, elektrische Kleinwagen, ... sie alle bekommen ihr Fett weg.
Maas' berüchtigte makabere Ader zeigt sich in den (im wahrsten Sinne des Wortes) bestechenden Mordszenen, die zu den Highlights des Films zählen, auch wenn sie gerne noch ein wenig drastischer hätten ausfallen dürfen. Ein weiterer Hingucker sind die Actionszenen, und da natürlich insbesondere die unvermeidliche halsbrecherische Verfolgungsjagd durch die Amsterdamschen Grachten, bei der diesmal neben einem Motorboot auch ein Jetski zum Einsatz kommt. Toppen kann diese Szene das legendäre Original freilich nicht, allein schon weil sie durch die modernere Inszenierung deutlich hektischer geschnitten und damit auch unübersichtlicher ausgefallen ist. Immerhin kann in dieser Szene Holly Mae Brood glänzen, die sich beim Dreh höchstselbst an das rasende Motorboot klammerte.
Großartig geworden sind, in dieser Szene wie im ganzen Film, die Aufnahmen von Amsterdam. Wer schon einmal dort war, wird zahlreiche Orte wiedererkennen. Neben den Kanälen und Gebäuder der Innenstadt sind das u.a. der Hauptbahnhof, das Schifffahrtsmuseum mit dem Handelsschiff, der Tierpark Artis, das Reichsmuseum, ... Eigentlich ist
Amsterdamned 2 ein ziemlich unkonventioneller IMAX-Werbefilm für die niederländische Hauptstadt geworden, die in diesem Jahr übrigens ihr 750-jähriges Bestehen feierte.
Die Kehrseite der Medaille ist, dass der Film durch die perfekt ausgeleuchteten Kamerafahrten und Drohnenflüge insbesondere in Zusammenhang mit der polizeilichen Ermittlungsarbeit zum Teil eher an eine Krimiserie erinnert als an einen handfesten Thriller. Immer dann, wenn die Nacht einsetzt, gewinnt der Film deutlich an Atmosphäre. Dies zeigt sich gleich zu Beginn eindrucksvoll beim ersten Kill mit den sich im dusteren Grachtenwasser spiegelnden Neonleuchten.
Leider weist das Skript einige Logiklöcher und uneingelöste Versprechen auf, die man sich nicht alle mit der phantasievollen Platzierung falscher Fährten schönreden kann. Das geht nicht zuletzt zu Lasten der Auflösung des Falls. Denn obwohl diese in
Amsterdamned 2 immerhin nicht ganz so aus dem Nichts kommt wie im ersten Teil, fällt sie doch eher ernüchternd aus, zumal einige Passagen im Film auf ein spektakuläreres Ende hoffen lassen.
Möglicherweise ist das ja auch schon Vorbereitung auf einen dritten Teil, denn die Tür für ein mögliches weiteres Sequel lässt
Amsterdamned 2 weit offen. Dick Maas äußerte sich dazu bei der Premiere eher verhalten, während Huub Stapel sich bereits unumwunden bereit erklärte. Am Ende dürfte die Entscheidung ohnehin in den Händen der Zuschauer liegen, denn die Erwartungen an den Flm sind hoch. Es wäre Dick Maas und dem niederländischen wie europäischen Genrekino zu wünschen, dass das Kalkül aufgeht. Denn obwohl
Amsterdamned 2 (erwartungsgemäß) nicht am Kultstatus des Erstlings kratzen kann, ist er doch ein kurzweiliges Vergnügen ohne Anspruch auf
political correctness, mit gut aufgelegten Schauspielern und einigen schön schrägen Einfällen. Wenn der Film im März bei uns startet, werde ich ihn mir bestimmt nochmal ansehen.
Wertung? Ich sage mal mit Fanbrille 7/10, ohne Fanbrille 6/10
