Mit dieser Formulierung tue ich mich etwas schwer. Genozid ist ein eher moderner Begriff, der in diesem Kontext vielleicht unpassend ist. Kriegsverbrechen würde es eher treffen.
Ich mich normalerweise auch; es kommt stark drauf an,
ob man Nolans moderner Interpretation mit
welcher modernen Brille folgt. Einer modernen Interpretation schadet es sicher nicht, sie mit einer modernen Terminologie kurzzuschalten. Was ich sehe, was mir Nolan zeigt, ist der Fall Trojas, der als moralische Verfehlung, als Verletzung jeglicher ontologischer Standards dermaßen schrecklich war, dass die Griechen etwas unwiderruflich zerbrochen haben. Dazu befreit Nolan Homer von jeder romantisierten Anwandlung, beschwört mit Absicht historisch uns näher liegende Katastrophen (Beispiele wurden genannt) und deren visuelle Parallelen von Verfolgung und der Vernichtung des Menschenmaterials. Aus all' dem folgere ich gewisse ... Vergleichbarkeiten.
Es gibt dieses Buch von Ben Kiernan, eine umfassende Studie zum Wesen des Genozids, der lange vor seiner Begriffsgeschichte 1948 auch die Antike betraf. Kiernans zentrale These ist, dass genozidales Denken nicht nur den populär biologistischen, aber unzureichenden Kerngedanken der Nationalsozialisten einschließt, sondern auch andere (etwa wirtschaftliche) Zwangsvorstellungen von Überlegenheit und Höherwertigkeit.
(Ich wurde zum Beispiel partout den Gedanken nicht los, dass, wenn Odysseus' Männer auf den Inseln dem für sie "Fremden" begegnen, ein unangenehmes Gefühl von Bemächtigung entsteht, das ich gar nicht richtig greifen konnte - der Film erzählt hin und wieder subtiler, als man denken mag.)
Bei oppenheimer werden die opfer von Hiroshima und Nagasaki überhaupt nicht gezeigt, es wird nur das traumatische erlebnis aus oppenheimers perspektive dargestellt.
Ich finde, dass Nolan in diesem Film etwas Cleveres anstellt - unabhängig der Ausrichtung des Films. Anstatt eine Form für ästhetisches Leiden zu suchen (und schlimmstenfalls Ikonen wie Atompilze nebst verbrannten Menschen zu recyceln), gedenkt er den Opfern indirekt, indem er die Grausamkeit ihrer Täter herausstellt. Die Grausamkeit ist: Mathematik. Menschen bestehen als Zahlen fort, die aufgerechnet, gegengerechnet und aus touristischen Gründen wieder verworfen werden. Das war mMn beeindruckend zynisch, und es bereitete
Die Odyssee irgendwo vor. Rationalität gleich Barbarei. Andernfalls geschieht das, was Volker Schlöndorff in einem Booklet einmal anmahnte: Direkt gezeigtes historisches Leiden neigt zu einem Bilderreservoir der immergleichen (trivial anmutenden, manchmal dem Schock verpflichtenden) Impressionen, auf die ein Ereignis reduziert werden
könnte. Sein Beispiel war das Bahnhofsbild als Auschwitz-Ikone. Da schätze ich es eher, wenn und auf welche Weise Filmschaffende den Ikonen ausweichen.
Oppenheimer war einer dieser Versuche, sich den Bildern zu widersetzen.